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Die folgende Parodie einer "dialektischen
Erörterung" entstand anlässlich einer Studienfahrt mit dem
Leistungskurs Deutsch 1998 nach Weimar ( Autor: Hans Becker, Gymnasium
Plochingen, dr.hans.becker@gmx.de)
Die Thüringer Bratwurst
(Eine Mustererörterung für Klasse 10)
"Ich habe Hunger"! Wer hätte diesen Satz nicht schon aus dem Munde
Jugendlicher beiderlei Geschlechtes gehört und dabei beobachtet,
dass in dem Augenblick, in dem er gesprochen wird, die sonst
unverbrüchlich nach Außen gezeigte "Coolness" bedrohlich ins
Wanken gerät? Was kann ein Jugendlicher tun, den dieses
Gefühl übermannt (alternativ: überweibt)? Im gewohnten
Alltag wird er schnell nach Hause gehen, um sich an Mutters
"Fleischtöpfen" zu laben, oder hurtig zu MacDonald´s eilen.
Was aber tut ein Jugendlicher, der einerseits nicht nach Hause kann,
weil er auf Studienfahrt in Weimar ist, und dem für den Gang zum
Weimarer Fast-Food-Tempel zu wenig Zeit bleibt?
Er wird sich auf die "Thüringer Bratwurst" stürzen. Insofern
ergibt sich die dringende Notwendigkeit, die Vor- und Nachteile der
Thüringer Bratwurst ausführlich zu erörtern.
(Einleitung und Hinführung zur Themafrage)
Die Thüringer Bratwurst hat ja offenkundig viele angenehme Seiten (These).
An erster Stelle wäre zu erwähnen, dass
die Thüringer Bratwurst zu einem relativ
schülerfreundlichen Preis zu erwerben ist, das
Preis-Leistungsverhältnis also stimmt. Denn unbestreitbar hat sie
hohen Sättigungswert.. Das lässt sich schon daraus folgern,
dass selbst Jugendliche selten in der Lage sind, unmittelbar
hintereinander mehrere Thüringer Bratwürste zu verzehren (erstes Argument zur These).
Als zweites Argument könnte man
anführen, dass die Thüringer Bratwurst sehr leicht
zugänglich ist. Besonders in Weimar muß man nicht weit
gehen, um an eine Verkaufsstelle dieses Erzeugnisses zu kommen. Wem es
gelingt, an zwei Döner-Ständen vorbeizukommen, kann sicher
sein, dann an einem solchen Wurststand anzukommen (Zweites Argument zur These).
Als drittes Argument für die Thüringer
Bratwurst kann gelten, dass sie - auf dem Grill zubereitet - ganz
verführerisch duftet und deshalb die Geschmacksnerven schon
frühzeitig auf einen besonderen Kulturgenuss einstellt. Ja, auch
das Essen ist Teil der humanistisch geprägten Kultur, wie uns das
Beispiel Goethes lehrt, der ja Zeit seines Lebens dem Essen einen hohen
Rang einräumte (drittes Argument zur These).
Ein weiterer Vorteil der Thüringer Bratwurst besteht darin, dass
sie außerordentlich gut mundet. Ihr
herzhaft-deftiger-bäuerlich-grober Grundgeschmack bildet einen
geradezu kontrapunktisch geführten Gegensatz zu dem
fein-ziselierten Humanitätsgedusel, dem man beim Gang durch
Weimar kaum entkommt. Die Thüringer Bratwurst holt den
wissbegierigen Schüler aus den Traumwelten des Idealismus auf den
Boden der Kreatürlichkeit zurück (viertes Argument zur These).
Schließlich und endlich kann die Thüringer Bratwurst in vielen Varianten genossen werden.
Ohne Beilage entfaltet sie den bodenständigen Geschmack. Mit Senf
angerichtet, wirkt sie außerordentlich stimulierend, während
sanftere Gemüter sie auch mit Ketch-Up genießen, eine Sitte,
die sich erst in jüngster Zeit entwickelt hat, die aber
offenkundig immer mehr Anhänger findet (fünftes und letztes Argument zur These).
Gibt es aber - bei soviel Vorteilen - nicht auch
versteckte Nachteile bei der Thüringer Bratwurst, die man
geflissentlich zu bedenken hätte, bevor man sich ein
endgültiges Urteil erlauben darf? (Überleitung zur Antithese)
Bei näherem Hinsehen zeigen sich tatsächlich auch Nachteile der Thüringer Bratwurst. (Antithese)
Bleiben wir zunächst einmal bei den eben
erwähnten Variationen. Senf und Ketch-Up bilden eine nicht zu
unterschätzende Gefahr für einen angenehmen Weimaraufenthalt.
Da die Thüringer Bratwurst an den genannten Ständen
einerseits meist in einem aufgeschnittenen Brötchen serviert wird
und deshalb an beiden Enden, die vordringlich mit großen Mengen
der genannten Beilagen bestrichen sind, weit nach Außen ragt
(vgl. Bild oben), andererseits der persönliche Manövrierraum
an solchen Ständen ob des Andranges meist sehr gering ist,
führt der hastige Verzehr - und das muss ohne Wenn und Aber betont
werden - mit großer Wahrscheinlichkeit zu Senf- oder
Ketch-Up-Flecken an der eigenen Garderobe - oder, was nicht ganz so
schlimm, aber doch peinlich ist, an der Garderobe des "Mitessers"
(konkrete Bedeutung des Wortes!). Die gelben oder tomatenroten Flecken
mögen bei einem Besuch in der Reichenbacher Halle nicht sonderlich
auffallen, beim Besuch des Goethehauses sieht man sich allerdings im
gegebenen Fall außerordentlich häufig den despketierlichen
Blicken von feinsinnigen Goetheliebhabern und -innen ausgesetzt (erstes Argument zur Antithese).
An zweiter Stelle ist einzuwenden dass sich die
Thüringer Bratwurst durch einen hohen Fettgehalt auszeichnet, der
in Zeiten der "Iss-dich-schlank"-Bewegung äußerst
problematisch erscheint, zumal der Vergleich der eigenen
Körperlichkeit mit den klassisch-antiken Plastiken, die die Museen
und Gedenkstätten Weimars bevölkern, sowieso schon etwas
Ernüchterndes hat. Das durch einen solche Konfrontation
hervorgerufene, psychosomatisch bedingte Völle- und
Fülligkeitsgefühl kann zu schweren Depressionen führen (zweites Argument zur Antithese).
Auch ist als Nachteil zu erwähnen, dass der
oben angeführte appetitsteigernde Duft der Grillstellen seine
Attraktivität sofort verliert, sobald man selbst eine
Thüringer Bratwurst gegessen hat und gesättigt ist. Der Duft
entfaltet sogar eine penetrant lästige Note,die geistiges Arbeiten
erschwert. Wenn man sich zum Beispiel gerade über Orests
Worte:".../Soll die Glut denn ewig,/ Vorsätzlich angefacht, mit
Höllenschwefel/ genährt mir auf der Seele marternd brennen?"
(Goethe, Iphigenie, V.1153f.) Gedanken macht, könnte der
aufdringliche Grillgeruch zu völliger Mißdeutung der eben
erwähnten Stelle führen (drittes Argument zur Gegenthese).
Letztlich (Hinweis auf Abschluß der Argumente zur Antithese)
ist zu bedenken, dass bei übermäßig häufigem
Genuß die Thüringer Bratwürste - gerade wegen ihrer
Deftigkeit - schnell ihren exotischen Reiz verlieren und dass man sich
durch sie die Sensibilität der Geschmacksnerven für die fein
abgestimmten Kreationen der heimischen Küche verderben könnte
(letztes Argument zur Antithese)
.
Es zeigt sich also, dass bei näherem Hinsehen die Thüringer Bratwurst durchaus auch eine Reihe von Nachteilen hat (Zusammenfassung der Argumente zur Antithese).
Wie kann man also diesem tragischen Dilemma, dem sogenannten Wurst-Konflikt, letztlich entkommen? (Überleitung zur Lösung)
Am leichtesten wird man mit dem Duftproblem fertig werden. Wer nach
dem Verzehr einer Thüringer Bratwurst davon nicht belästigt
sein will, erwirbt am besten in einem der in Weimar zahlreich
vorhandenen einschlägigen Geschäfte eine sogenannte
"Wäscheklammer" und benützt sie zum Abklemmen der
Nasenhöhlen - eine nicht nur ökonomische, sondern auch
effektive Lösung des Duftproblems. Bei wiederkehrendem
Hungergefühl kann man sie ebenso problemlos entfernen. Gewitzte
Zeitgenossen lassen sich überdies beim Erwerb der
Wäscheklammer eine Quittung ausstellen und tauschen sie kurz vor
Verlassen Weimars in eine Ansichtskarte des Goethehauses um.
Die Gefahr der Übersättigung durch
dieThüringer Bratwurst wird man nur mindern können, wenn man
sich beherrscht und Maß hält. Schon Goethe sagt ja:" Aus
Mäßigkeit entspringt ein reines Glück" (Goethe, Die
natürliche Tochter, 2,5). Dieser Appell des Klassikers war
bestimmt auf die Thüringer Bratwurst gemünzt. Wer sich also
täglich nur eine Thüringer Bratwurst genehmigt, wird dieser Forderung Genüge tun.
Überdies hält sich so die Abstumpfung
der Geschmacksnerven in erträglichen Grenzen. Wenn einem dann
trotz allen Maßhaltens nach einem längeren Weimaraufenthalt
allmählich die Vorstellung von heimischen Genüssen durch das
Gemüt zieht, hat das durchaus seinem positiven Effekt. Beim ersten
Verzehren einer schwäbischen Saitenwurst wird man im siebten
Himmel schweben und feststellen, dass diese sich zur Thüringer
Bratwurst verhält wie ein feiner Seidenschal zu einem Kartoffelsack (Lösung unter Abwägung der Argumente zur These und Antithese).
Urteil und Begründung:
Du hast Deine Erörterung sauber gegliedert und in ordentlicher Sprachform dargelegt.
Der Ausdruck "Mitesser" (vgl. oben) ist in diesem
Zusammenhang allerdings missverständlich und manche Sätze
sind völlig überladen.
Auch hast du die Argumente zur These und Antithese
sauber eingeleitet, wenn auch eine gewisse Eintönigkeit in der
Sprachgebung herrscht.
Inhaltlich zeigst Du, dass Du über
einschlägige Erfahrungen verfügst, und insofern ist die
Studienfahrt nicht spurlos an Dir vorübergegangen.
Auch beweist der Lösungsansatz die Fähigkeit zum dialektischen Denken.
Was allerdings entschieden gegen die
Darstellung spricht, ist Deine unzulässige Verengung des Themas.
Schließlich habe ich nicht als Thema gestellt:"Die Thüringer
Bratwurst", sondern das von mir gestellte Thema hieß:"Der Beitrag
Thüringens zur Entwicklung der Geschmackskultur vom 18. Jahrundert
bis heute."
noch ausreichend
Becker
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