Anmerkungen zum Zitieren und zur Zitiertechnik bei Deutschaufsätzen

Autor. Hans Becker, Gymnasium Plochingen, dr.hans.becker@gmx.de

Die folgenden Regeln gelten bei der Interpretation von literarischen Texten wie auch bei dem Aufgabentyp Erörterung an Hand eines Textes.

Die Beispiele in dieser Anleitung beziehen sich auf einen literarischen Text. Den sollte man erst sorgfältig zur Kenntnis nehmen, damit man den Kontext der Beispiele verstehen kann.

Beispieltext: Gottfried August Bürger (1747 - 1794):

Der Bauer an seinen durchlauchtigsten Tyrannen


 
 
 
 
 
 
 
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Wer bist du, Fürst, daß ohne Scheu

Zerrollen mich dein Wagenrad,

Zerschlagen darf dein Roß?

Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch 

Dein Freund, dein Jagdhund, ungebleut

Darf Klau´ und Rachen haun?

Wer bist du, daß durch Saat und Forst,

Das Hurra deiner Jagd mich treibt,

Entatmet, wie das Wild? - 

Die Saat, so deine Jagd zertritt,

Was Roß und Hund und du verschlingst,

Das Brot, Du Fürst ist mein.

Du Fürst hast nicht, bei Egg´ und Pflug,

Hast nicht den Erntetag durchschwitzt 

Mein, mein ist Fleiß und Brot! -

Ha! Du wärst Obrigkeit von Gott?

Gott spendet Segen aus; du raubst!

Du nicht von Gott, Tyrann!

(entstanden ca. 1775)


 
 
 

Regeln:
 

Begriff des Zitats: Ein Zitat ist eine wörtliche Übernahme aus dem Original. Es wird in Anführungszeichen eingeschlossen. Was innerhalb dieser Anführungszeichen steht, muss also wörtlich dem Originaltext entsprechen.

Die Fundstelle wird dahinter in Klammern in geeigneter Weise angegeben (bei Gedichten also die Zeilenzahl, z. B. Z. 17)

Zweck von Zitaten: Ein Zitat ist Ausgangspunkt oder Beleg für die Analyse, die man 

vornehmen wird oder die man eben geleistet hat. 


 
 
 
 
Inhaltliche Fehler beim Zitieren

 

Zitat als Ersatz für die Analyse Das Zitat wird eingebracht, aber man überlässt es dem Leser, die Schlüsse daraus zu ziehen:

Falsch:

Das lyrische Ich spricht den Fürsten als "durchlauchtigsten Tyrannen" an. Diese Aussage enthält schon einen Widerspruch.

Begründung:

Nun soll der Leser suchen, wo der Widerspruch steckt und worauf er zielt. Formuliere die Analyse ganz aus.

Richtig:

Das lyrische Ich spricht den Fürsten als "durchlauchtigsten Tyrannen" (Z.1) an. Diese Aussage enthält schon einen Widerspruch, denn das Adjektiv bezeichnet die Anredeformel, die der Untertan gegenüber dem Adeligen zu gebrauchen hat. Es bedeutet also die Geste der Unterwerfung. Das Substantiv "Tyrann" setzt dem eine scharfe Kritik an der Willkürherrschaft des Adels gegenüber.

Zitat als inhaltliche Überbrückung

Das Zitat wird nur verwendet, um sich die Wiedergabe des Inhalts in eigenen Worten zu ersparen.

Falsch:

Nachdem das lyrische Ich gefragt hat, "Ha! Du wärst Obrigkeit von Gott?", gibt es selbst die Antwort: "Gott spendet Segen aus; du raubst" (Z. 17f.). 

Es bringt auch nichts, wenn man diese Stelle teilweise in Paraphrase auflöst: Das lyrische Ich stellt dem Fürsten die Frage, ob er "Obrigkeit von Gott" (Z. 17) sei und gibt die Antwort, dass Gott Segen schenke.

Begründung: Damit weicht man der gestellten Aufgabe aus.

Richtig:

Der empörte Ausruf "Ha! Du wärst Obrigkeit von Gott?" stellt das Gottesgnadentum in Frage auf das sich die Herrscher des Absolutismus berufen, um ihre Privilegien zu begründen. Die folgende Zeile gibt eine Antwort auf die rhetorische Frage, in dem sie das Wesen Gottes und die Herrschaft der Fürsten als polare Gegensätze darstellt. Das Wesen Gottes ist die liebende Zuwendung zum Menschen. Das Wesen absolutistischer Herrschaft besteht in der Ausbeutung der Untertanen: "Gott spendet Segen aus; du raubst"(Z.18).

Tipp für Notfälle: Wenn man mit einer Zeile partout nicht zurecht kommt, kann man sie zitieren oder paraphrasieren und so tun, als bedürfe sie keiner weiteren Erklärung. Das wirkt in einem Aufsatz immer noch besser, als man springt einfach zur nächsten Aussage, mit der man wieder zurecht kommt. Aber wie gesagt, das gilt nur für Notfälle: Dein Lehrer kennt diesen Trick nämlich auch!


 
 
 
 
Formale Fehler beim Zitieren

 

Grundregel: Man kann einzelne Wörter, Wendungen, Satzgliedgruppen oder ganze Sätze zitieren. Immer aber muss man beachten, dass das Zitat mit dem eigenen Begleitsatz wieder eine korrekte syntaktische Einheit ergeben muss. 

Auslassungen werden mit Punkten ... angezeigt.

Beispiel 1: Falsch:

Der Sprechende wirft dem Fürsten vor, "Hast nicht den Erntetag durchschwitzt" (Z.14f.).

Begründung:

Dies ist ein Grammatikfehler, der zweite Satz hat kein Subjekt.

Richtig (1):

(Aufgreifen der Konstruktion im Original)

Der Sprechende wirft dem Fürsten vor: "Du ... hast nicht den Erntetag durchschwitzt"(Z. 14f.).

Richtig (2):

(Anpassung des Begleitsatzes)

Der Sprechende wirft dem Fürsten vor, dieser habe "nicht den Erntetag durchschwitzt" (Z.14f.).

Beispiel 2: Falsch:

Das menschenverachtende Verhalten des Fürsten wird durch "Zerrollen mich dein Wagenrad" (Z. 3) deutlich.

Begründung:

Dies ist ebenfalls ein Grammatikfehler.

Richtig (1):

(Aufgreifen der Konstruktion im Original)

Der Sprechende kritisiert das Selbstverständnis des Fürsten, indem er fragt: "Wer bist du,..., daß / Zerrollen mich dein Wagenrad ... darf...?" (Z. 1-3).

Das ist grammatisch korrekt, aber noch nicht schön, weil die Inversion zwischen Subjekt ("Wagenrad") und Prädikat ("Zerrollen darf) hier dem emphatischen Ausdruckswillen des Textes zu verdanken ist. Deshalb wäre folgende Variante vorzuziehen:

Richtig (2):

(Aufgreifen der Konstruktion im Original und Anpassung des Begleitsatzes)

Der Sprechende beklagt sich über das menschenverachtende Verhalten des Fürsten, indem er ihm vorwirft, dass sein "Wagenrad" ihn nicht "zerrollen" dürfe (Z.3f.).


 
 
 
 
Beispiel 3: Falsch: Der starke Gegensatz zwischen den Verben "spenden" und "rauben" (Z.17) bringt die Subjekte in denselben Kontrast. Der Fürst erscheint als das Gegenteil Gottes.

Begründung:

Vgl. Begriff des Zitats, oben. Wenn man den Wortlaut der zitierten Stelle ändert, setzt man das zitierte Wort in einfache Anführungszeichen.

Richtig:

Der starke Gegensatz zwischen den Verben ` spenden‘ und `rauben´(Z.17) bringt die Subjekte in denselben Kontrast. Der Fürst erscheint als das Gegenteil Gottes.

Beispiel 4 Falsch: 

Der Sprechende wirft den Fürsten vor, sie hätten nicht selbst erarbeitet, wovon sie leben("Du Fürst hast nicht.....".Z.14f.)

Begründung: Die entscheidenden Worte sind aus Schreibfaulheit gerade ausgelassen. 

Richtig:

Der Sprechende wirft den Fürsten vor, sie hätten nicht selbst erarbeitet, wovon sie leben: "Du Fürst hast nicht ... den Erntetag durchschwitzt" (Z.14f).

   
 
Stilistische Fehler beim Zitieren
Beispiel 1 Falsch: 

Das "duchschwitzt" (Z.15) bezieht sich auf die Mühen, die ....

Das "entatmet" (Z.10) macht deutlich ....

Begründung:

Das Zusammenprallen des Artikels mit einer nicht substantivierten Form wirkt stilistisch sehr störend. Baue einen Puffer ein, indem Du ein Substantiv (die Wortart/ das Satzglied) voranstellst.

Das Verb "durchschwitzt" (Z.15) bezieht sich auf die Mühen ...

Das Partizip "entatmet" (Z.10) macht deutlich....

Beispiel 3 Falsch: Durch den Ausruf "Ha!" (Z. 16) zeigt der Sprechende;dass ihn das absolutistische System "ankotzt".

Begründung:

Das Anführungszeichen wird als Entschuldigung für den unpassenden Ausdruck gesetzt. So eine Entschuldigung nimmt aber niemand an. Suche den angemessenen Ausdruck.

Richtig:

Durch den Ausruf "Ha!" (Z. 16) zeigt der Sprechende seine Empörung über das absolutistische System.


 

Gehe an Hand dieser Liste Deinen letzten Aufsatz durch und berichtige Deine Fehler im Gebrauch von Zitaten. Nur diese Übung verschafft Dir die Routine, die Du im nächsten Aufsatz brauchst. Das reine Durchlesen allein bringt noch nicht viel.

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